Wir Primaten!

Anatomie der Primaten: Allgemeiner Körperbau


Sowohl lebende als auch fossile Primaten sind eine äußerst vielfältige Artenreihe. Einige gehören zu den generalisiertesten und primitivsten aller Säugetiere, andere zeigen morphologische und verhaltensmäßige Anpassungen, die im Vergleich zu anderen Säugetierordnungen unübertroffen sind. Im Vergleich zu den meisten anderen Säugetieren haben wir Primaten relativ primitive Eigenschaften beibehalten.

Einige von uns sind in der Weise spezialisiert, dass sie im Laufe der Evolution ihre Schwänze verloren haben und viele haben einen relativ großen Hirnschädel. Aber keine einzige Primatengattung hat sich vom gemeinsamen Bauplan der Säugetiere so deutlich entfernt wie etwa Fledermäuse, deren Hände zu Flügeln geworden sind, wie Pferde, deren Finger und Zehen auf ein einziges Glied reduziert sind oder wie Bartenwale, die ihre Hinterbeine komplett verloren, ihre Schwänze in Flossen umgewandelt und ihre Zähne durch große haarähnliche Kämme ersetzt haben. Die anatomischen Merkmale, die die Knochen und Zähne von Primaten von denen vieler anderer Säugetiere unterscheiden, sind eher das Ergebnis subtiler Veränderungen in Form und Proportionen, anstatt radikale Umstellungen, Verluste oder Ergänzungen von ganzen Körperteilen. Wir finden im Allgemeinen die gleichen Knochen und Zähne bei allen Arten von Primaten mit nur geringfügigen Unterschieden, welche die unterschiedlichen Ernährungsweisen oder die motorischen Gewohnheiten widerspiegeln. Die Tatsache, dass der menschliche Körper aus den gleichen Knochenelementen aufgebaut ist wie der anderer Primaten (und in der Regel anderer Säugetiere) ist ein wichtiges Argument beim Nachweis unseres eigenen evolutionären Ursprungs.

Körpergröße ist ein grundlegender Aspekt der Anatomie eines Organismus und spielt eine wichtige Rolle in seiner ökologischen Anpassung. Die Körpergröße ist ein Merkmal, das ohne weiteres verglichen werden kann, sowohl unter den lebenden Primaten als auch zwischen lebenden und fossilen Primaten. Erwachsene lebende Primaten reichen in der Größe von den Mausmakis und Zwergseidenäffchen, die weniger als 100 g wiegen, bis zu männlichen Gorillas, die ein Körpergewich von über 200 kg erreichen.

Unter einigen Fossilien finden sich Hinweise auf ein paar ausgestorbene Primaten vom Beginn des Zeitalters der Säugetiere, die noch kleiner waren (wahrscheinlich ein Gewicht von 20 g) und mindestens von einem Primaten, Gigantopithecus blacki aus dem Pleistozän in China, der viel größer war (wahrscheinlich über 300 kg schwer). In ihren Körpergrößen sind Primaten eine der vielfältigsten Ordnungen lebender Säugetiere. Als Gruppe aber sind Primaten eher mittelgroße Säugetiere - größer als die meisten Insektenfresser und Nager und kleiner als die meisten Huftiere, Elefanten und Meeressäuger.

Die Schwänze bodenlebender Primaten, etwa der Paviane und Mandrills, sind kürzer - und bei Menschenaffen und sich langsam bewegenden Feuchtnasenaffen fehlen sie ganz. Die Körperhaltung der Menschenaffen ist bei allen Arten von aufrechter Natur und dementsprechend haben sie einen kurzen Rücken, einen breiteren Brustkorb und ein kräftigeres Becken als andere Primaten. Bei Menschenaffen sind die Beine wesentlcih kürzer als die Arme - eine Anpassung an eine hangelnde Lebensweise in den Baumkronen der Regenwälder. Die Geschicklichkeit der Hände von Menschenaffen ist unter allen Säugetieren unübertroffen. Die evolutionäre Entwicklung dieser manuellen Fertigkeiten wurde begleitet von der Entwicklung hin zur aufrechten Haltung aller Menschenaffen, die beim Stamm der Hominini ? sogar soweit geht, dass sie sich gewohnheitsmäßig auf zwei Beinen fortbewegen.

Die Anatomie von Händen und Füßen bei Primaten ist je nach Lebensweise verschieden. So besitzen Klammeraffen eine Hand mit stark zurückgebildeten Daumen. Bei Gibbons ist der kurze, den anderen Fingern gegenüberstellbare Daumen von den übrigen Fingern weit entfernt. Der ebenfalls gegenüberstellbare Daumen der Gorillas, Schimpansen und Menschen ermöglicht diesen Primaten genaueste Präzisionsgriffe. Kurze, gegenüberstellbare Daumen ermöglichen es den Makaken, sich beim Laufen auf den Handflächen abzustützen. Siamangs (eine Gibbonart) und Orang-Utans haben breite Füße mit Großzehen, die besonders gut zum Greifen geeignet sind. Für die am Boden lebenden Paviane sind lange und schlanke Füße typisch.

Die frühesten Vorfahren der heute lebenden Primaten waren mit Gebissen ausgestattet, deren Zähne mit scharfen Höckern versehen waren, vermutlich um Pflanzenteile besser aufschließen zu können. Bei den Feuchtnasenaffen, z.B. den Lemuren, hat der erste Prämolar in etwa die Form eines Eckzahns - die Kronen der unteren Schneidezähne liegen flach an und bilden wie bei Buschbaby einen Kamm.

Blätterfressende Altweltaffen wie die Vertreter der Mützenlanguren (Gattung Presbytis) haben viereckig geformte Molare mit vier Höckern, die durch Querleisten verbunden sind, um die faserreiche Nahrung besser zerkleinern zu können.

Bei Menschenaffen wie dem Gorilla oder dem Menschen weisen die unteren Molaren fünf Höcker auf und sind somit ebenfalls bestens dafür geeignet faserige Pflanzenteile zu zerkauen.

Literatur

Jungers W. L. 1985. Size and Scaling in Primate Biology (Advances in Primatology). New York: Plenum Press.