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Fortbewegung der Primaten: Mischformen


Die grobe Einteilung von Primaten aufgrund des Bewegungsapparates in terrestrische und arboreale Vierbeiner, Springer, Zweibeiner, Hangler und Schwinger wird der tatsächlichen Vielfalt der Lokomotionsformen bei Primaten kaum gerecht. Diese einzelnen Kategorien sind hypothetisch und idealistisch dargestellt, denn kaum eine Primatenart bewegt sich ausschließlich nur auf eine dieser Arten fort.

Viele Primatenarten zeigen vielmehr Mischformen der Fortbewegung, genauso wie sie sich von mehreren Nahrungmitteln ernähren. Viele baumlebende (arboreale) Vierbeiner sind oft auch gute Springer, ebenso wie gute Springer auch oft mit den Armen durch das Geäst hangeln usw.

Es gibt noch andere Faktoren die man beachten muß, um den Zusammenhang von Skelettmerkmalen und Fortbewegungsgewohnheiten bei Primaten zu verstehen. Die gleichen Körperteile, die bei der Fortbewegung eine Rolle spielen, sind nämlich auch für andere Aufgaben des täglichen Lebens wichtig. Die Hände kommen z.B. sowohl bei der Fortbewegung als auch bei der Nahrungsaufnahme zum Einsatz, etwa um Insekten zu fangen, Blätter und Früchte zu pflücken oder Samenkapseln zu öffen. Mit dem knöchernen Becken sind die Hinterbeine verbunden und an ihm entspringen viele Hüftmuskeln, es dient jedoch auch als Stütze der Bauchorgane oder als Geburtskanal bei weiblichen Primaten. Solche Mehrfachfunktionen von fast allen Körperteilen erschweren es oft, Fortbewegung und Bewegungsapparat einer ausgestorbene Primatenart zu rekonstruieren und zu identifizieren, noch dazu, wenn man nur wenige Skelettreste kennt. Dennoch haben sich bei Primaten viele Knochenmerkmale der oben genannten Kategorien als allgemein charakteristisch für besondere Fortbewegungsgewohnheiten und für den Bewegungsapparat erwiesen, und sollten nützliche Hinweise bei der Rekonstruktion von Fossilien liefern.

Warum zeigen Primaten so vielfältige Lokomotionsformen und damit all die morphologischen Spezialisierungen, die sie begleiten? Ein Faktor ist sicherlich die Körpergröße. Wie man sich vorstellen kann, sehen sich große und kleine Primaten, die im gleichen Lebensraum zuhause sind, wahrscheinlich mit ganz unterschiedlichen Problemen in Bezug auf Körperbalance oder in Bezug auf Verfügbarkeit von ausreichend dicken Ästen konfrontiert. So neigen größeren Arten eher dazu, sich auf dem Boden oder hangelnd unterhalb von Ästen fortzubewegen.

Abgesehen von der Körpergröße scheint die größte Bedeutung der verschiedenen Bewegungsgewohnheiten im Zugang zu den verschieden Teilen des Waldes zu liegen. In verschiedenen Waldtypen und auf verschiedenen vertikalen Ebenen eines Waldes sind Dichte und Anordnung der zur Verfügung stehenden, tragenden Äste oft ganz unterschiedlich. Primaten in offenen Gebieten sind am besten an terrestrisches Gehen und Laufen angepasst. Selbst innerhalb eines tropischen Regenwaldes unterscheiden sich die verfügbaren Äste im Unterwuchs von denen in den höheren Schichten, und Primatenarten, die in den verschiedenen Ebenen umherstreifen und nach Nahrung suchen, haben unterschiedliche Methoden der Fortbewegung. Die untersten Schichten der meisten Wälder sind von zahlreichen vertikalen Strukturen wie Baumstämme und Lianen gekennzeichnet, jedoch gibt es wenige Wege in stetig horizontaler Richtung. Primaten, die im Unterwuchs nach Nahrung suchen sind oft Springer, die sich so am besten in diskontinuierlichen vertikalen Ästen und Zweigen fortbewegen können. Weiter oben haben die Baumkronen eine eher kontinuierliche horizontale Struktur und eignen sich für andere Methoden der Fortbewegung, wie etwa vierbeiniges Gehen und Laufen oder Hangeln und Schwingen.

Zusätzlich zu dieser allgemeinen Beziehung zwischen Waldebene und Fortbewegung gibt es bestimmte Fortbewegunsweisen oder Körperhaltungen, die scheinbar im Zusammenhang mit bestimmten Lebensräumen oder Nahrungsquellen stehen. Primaten in Bambuswäldern (z.B. Hapalemur oder Callimico) sind wegen der hauptsächlich vertikalen Pflanzenstrukturen fast immer Springer. Primaten, die sich regelmäßig von Harzen oder anderen Baumexsudaten ernähren, haben oft Krallen oder klauenartige Nägel, um sich besser an große Baumstämme klammern zu können.

Seltsamerweise gibt es bei Primaten (abgesehen von speziellen Fällen wie bei Harzfressern) kaum eine allgemeine Verbindung zwischen Fortbewegungsmuster und Ernährungsgewohnheit. Es ist häufiger der Fall, dass sympatrische Arten mit sehr ähnlicher Ernährung große Unterschiede im Bewegungsapparat aufweisen, gleichzeitig weisen diejenigen mit einer sehr ähnlichen Art der Fortbewegung die größten Unterschiede in der Ernährung auf. Dies deutet darauf hin, dass Primaten oft unterschiedliche Fortbewegungsarten zur Nutzung ähnlicher Nahrung in verschiedenen Teilen ihrer Umwelt entwickelt haben, und umgekehrt [1].

Es ist auch wahrscheinlich, dass die Art und Weise, wie die Fortbewegung einer Primatenart zu ihren Ernährungsgewohnheiten beiträgt, noch nicht gut untersucht wurde. Die Nahrungsmittel der Primaten werden normalerweise in Früchte, Blätter und Insekten eingeteilt, eine Klassifikation, die gut mit den mechanischen und ernährungsphysiologischen Eigenschaften dieser Pflanzenarten übereinstimmt. Aber für das Verständnis der Fortbewegung von Primaten sollte man vielleicht die Nahrungsmittel entsprechend ihrer Verteilung im Wald, der Form der Bäume, auf denen sie wachsen, oder der Erntemöglichkeit klassifizieren. Ebenso wenig wissen wir darüber bescheid, wie es bestimmte Körperhaltungen den verschiedenen Primatenarten ermöglichen, in verschiedenen Teilen des gleichen Baums an Nahrung zu gelangen. In jedem Fall ist klar, dass Bewegungsgewohnheiten bei Primaten ein integraler Bestandteil der verschiedenen Ernährungsstrategien sind, und die raffinierte Natur dieser Wechselbeziehung verdient es, noch genauer erforscht zu werden.

Literatur

[1] Fleagle, J.G., and Mittermeier, R. A. 1980. Locomotor behavior, size and comparative ecology of seven Surinam monkeys. Amer. J. Phys. Anthropol. 52: 301-322. DOI: 10.1002/ajpa.1330520302

Morbeck, M. E., Preuschoft, H., and Gomberg, N. 1979. Environment, Behavior and Morphology: Dynamic Interactions in Primates: Dynamic Interactions in Primates. New York: Gustav Fischer.