Wir Primaten!

Lebensweise der Primaten: Fortbewegung


Ein wichtiger Verhaltensaspekt bei der Nahrungssuche aller Tierarten ist die Art und Weise, wie sie sich dabei fortbewegen. Bei den Primaten gibt es dabei erhebliche Unterschiede. Bei keiner anderen Säugetierordnung gibt es soviele Formen der Lokomotion (Fortbewegung) wie bei den Primaten.

Ähnlich wie das Ernährungsverhalten kann die Fortbewegung der Primaten grob in mehrere große Kategorien unterteilt werden, die jeweils durch unterschiedliche Nutzung der Gliedmaßen gekennzeichnet sind: Vierbeinigkeit sowohl in den Bäumen (arboreal) als auch auf dem Boden (terrestrisch), Springen, Zweibeinigkeit, Hangeln und Schwingen. Jede dieser Möglichkeiten der Lokomotion ist für bestimmte Primatenarten entweder geeignet für eine bestimmte Struktur des Waldes oder mag effizienter sein beim Umherstreifen auf einer bestimmten Art von Untergrund.

Einteilung des Bewegungsapparates

Springen ermöglicht es arborealen Arten schnell zwischen einzelnen Bäumen oder Ästen im Unterwuchs zu wechseln. Arboreale Vierbeinigkeit ist besser geeignet für ein durchgehendes Netz an Zweigen und Ästen und ist weniger gefährlich als Springen, was besonders für größere Primatenarten gilt. Terrestrische Vierbeinigkeit ermöglicht es einem Primaten, sich rasch auf dem Boden fortzubewegen. Hangeln ermöglicht es größeren Primatenarten ihr Gewicht unterhalb auch kleinerer Äste zu verteilen und das Problem der Ausbalancierung ihres Körpers oberhalb eines Astes zu umgehen. Schließlich erlaubt die Zweibeinigkeit einem Primaten auf einem kontinuierlichen, ebenen Untergrund zu laufen und die Hände für andere Aufgaben frei zu haben.

Diese grobe Einteilung des Bewegungsapparates wird jedoch der tatsächlichen Vielfalt der Lokomotionsformen bei Primaten kaum gerecht. Einige Arten springen von einer vertikalen Position, etwa von einem Baumstamm, an dem sich sich gerade festhalten, andere von einer mehr horizontalen Position, etwa von einem Ast aus, auf dem sie gerade laufen. Vierbeiniges Gehen und Laufen können aus unterschiedlichen Gangarten in den Bäumen oder am Boden bestehen. Suspensorisches (hängendes) Verhalten umfasst viele verschiedene Bewegungsformen, etwa das Schwingen mit zwei Armen (Brachiation), Klettern und Überbrückung von zwei Ästen. Solche groben Einteilungen von Verhaltensweisen dienen hauptsächlich der Untersuchung allgemeiner Muster entweder in Morphologie oder Ökologie.

aufrechte Körperhaltung beim Sifaka
Dieser Sifaka demonstriert sehr schön die aufrechte Körperhaltung vieler Primaten, während sie sich an vertikalen Ästen und Stämmen festhalten.

Neben der Art und Weise der Fortbewegung haben Primatologen auch ein Augenmerk auf die vielen unterschiedlichen Körperhaltungen der Primaten - etwa wie sie sitzen, hängen, sich festhalten oder stehen - während sie fressen ruhen oder schlafen. In vielen Fällen ist bei der Erforschung der Evolution verschiedener Primatenarten die Körperhaltung während der Nahrungsaufnahme genauso wichtig wie ihre Art der Lokomotion. Primaten, die sich von Baumharzen oder anderen Exsudaten ernähren, müssen sich oft an einem großen Baumstamm festklammern. Diese Fähigkeit zum Festklammern an einen Baumstamm kann bei der Untersuchung einer Primatenart oft wichtiger sein als die Art und Weise, wie sie an den Baum hin gelangte. Ebenso könnte die hängende Fortbewegung vieler Primaten nur ein Nebenprodukt der Notwendigkeit sein, Nahrung am Ende kleiner Äste zu erreichen.

Anatomische Anpassungen

Anpassungen im Bewegungsapparat einer Primatenart betreffen viele Körperteile. Die meisten Unterschiede, die wir bei heute lebenden Primaten in der Anatomie der Extremitäten und des Rumpfs finden, sind eindeutig auf Bewegungs- und Haltungsgewohnheiten zurückzuführen, also auf die Art und Weise wie sie sich bewegen, hängen und sitzen. Lokomotion und Körperhaltung beeinflussen auch die Ausrichtung des Kopfes auf dem Rumpf, die Form des Brustkorbs (Thorax) und die Positionierung der Bauchorgane.

Wie viele andere Anpassungen sind die Veränderungen des Muskel-Skelett-Systems im Zusammenhang mit der Fortbewegungsweise von der Abstammungsgeschichte einer Primatenart beeinflusst, denn Primaten haben oft verschiedene Lösungen für dasselbe Problem entwickelt. Die Evolution durch natürliche Selektion arbeitet nämlich mit dem, was verfügbar ist. Daher zeigen vierbeinige Lemuren, vierbeinige Affen und vierbeinige Menschenaffen große Ähnlichkeiten in ihrer Fortbewegungsanatomie. Für die Paläontologie ist dies ein echter Vorteil, da die Knochen Informationen sowohl über Phylogenie als auch Anpassung liefern können - falls man beides genau auseinander halten kann.

Da die Anpassungen des Bewegungsapparates bei verschiedenen Primatenarten auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck kommen, ist es der beste Ansatz, die mechanischen Probleme zu untersuchen, die die verschiedenen Fortbewegungsarten mit sich bringen. Erst danach kann man überlegen, wie lebende Primatenarten ein Muskel-Skelett-System entwickelt haben, das diesen Unterschieden in den mechanischen Anforderungen gerecht wird. Dabei sollte man sich auf jene Funktionen des Skeletts konzentrieren, die auf unterschiedliche Körperhaltungen und Fortbewegungsarten bezogen werden können, da diese die am besten dokumentierten Aspekte der Anatomie sind und sehr nützlich bei der Rekonstruktion des Bewegungsapparats von Fossilien sind. Es ist wichtig zu erwähnen, dass solche Korrelationen zwischen Knochenmorphologie und Fortbewegungsverhalten ständig durch experimentelle Studien getestet und verfeinert werden, um so ein besseres Verständnis der biomechanischen und physiologischen Mechanismen der Primatenfortbewegung zu ermöglichen.

Literatur

[1] Fleagle, J.G. 1979. Primate positional behavior and anatomy: Naturalistic and experimental approaches. In: Morbeck, M. E., Preuschoft, H., and Gomberg, N. (eds.). Environment, Behavior and Morphology: Dynamic Interactions in Primates: Dynamic Interactions in Primates, pp 313 - 325. New York: Gustav Fischer