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Infantizid bei Primaten


Nur wenige Verhaltensweisen, die man im Tierreich beobachtet, haben mehr hitzige Debatten über Sinn und Zweck ausgelöst, als der Infantizid, die Tötung von Jungtieren der eigenen Art. Warum sollte sich die Tötung von abhängigen Jungtieren als eine adaptive Strategie entwickelt haben? Infantizid ist eines der markantesten Beispiele für Aggression im Tierreich.

Die vorherrschende Meinung ist, dass Infantizid, begangen von Männchen, mit dem Wettbewerb um den Zugang zu Weibchen im Zusammenhang steht. Infantizid ist auch beim Menschen verbreitet und in den meisten Kulturen, seien es Jäger und Sammler oder Ackerbauern, praktiziert worden. Auch bei ausgestorbenen Menschenarten wie Homo erectus oder Homo neanderthalensis gibt es Hinweise für absichtliche Kindstötung. Auch heute kommt kommt Infantizid beim Menschen - wenngleich auch sehr selten - noch immer vor. Dieses Verhalten könnte evolutive Ursachen haben.

Die Kindstötung gehört zu den aus menschlicher Sicht dunklen Seiten der Soziobiologie, aber sie ist Realität. Sie wurde bei Primaten und einigen anderen Tierarten - etwa Löwen, Vögeln und Nagetieren - beobachtet, galt bislang jedoch als Besonderheit männlicher Tiere. Stimmt so nicht, meinen nun Verhaltensforscher: Auch Schimpansenweibchen töten die Nachkommen von Artgenossen, und zwar durchaus mit System.

Anmerkungen von Infantizid bei Tieren finden sich schon in Beschreibungen der alten Griechen, doch erst in den 1960er Jahren wurde Infantizid bei indischen Hanumanlanguren ausführlich dokumentiert. Diese Primaten leben in Gruppen mit einem dominanten Männchen und mehreren Weibchen mit ihrem unterschiedlich alten Nachkommen, darunter auch Säuglinge. Stirbt bei den Hanumanlanguren der Chef eines Harems oder wird er von einer Bande Junggesellen vertrieben, kommt es nicht selten vor, dass das neue Alpha-Männchen versucht, einige der Jungtiere in der Gruppe zu töten.

Infantizid ist seit den 1960ern bei vielen Primaten nachgewiesen worden, dazu gehören Lemuren, Brüllaffen, Schlankaffen, Meerkatzen, Paviane, Berggorillas und Schimpansen. Infantizide werden gewöhnlich - aber nicht ausschließlich - von Männchen begangen und zwar meist dann, wenn neue Männchen in die Gruppe kommen. Infantizide sind selten und nicht leicht zu beobachten - bisher wurden nur 60 Fälle gut dokumentiert. Doch sollte die allgemeine Seltenheit dieses Verhaltens seine Bedeutung nicht verschleiern. So ist bei ei Roten Brüllaffen, Berggorillas und Bärenpavianen Infantizid ein nicht zu vernachlässigender Grund für Säuglingssterblichkeit, denn 25 bis 28 % aller Todesfälle sind bei diesen Arten auf Infantizid zurückzuführen, was rund 13 % der Gesamtsterblichkeit des Nachwuchses entspricht.

Bis heute diskutieren Wissenschaftler mitunter sehr heftig über Infantizid und seine Ursachen. Einer Theorie zufolge ist Infantizid ein fehlgeleitetes Verhalten, das aus Überbevölkerung oder anderen ungewöhlichen Umständen herrührt. Doch auch bei Hanuman-Populationen, die keine besonders große Dichte aufweisen, kommt nach einem Wechsel des Haremsbesitzers Infantizid vor.

Ein anderer Erklärungsversuch gründet in der Biologie weiblicher Primaten. Die Produktion der Milch und das Stillen des Nachwuchses unterdrückt bei vielen Primatenweibchen für längere Zeit deren Sexualzyklus, bis die Jungen entwöhnt werden, d.h. trächtige Weibchen oder stillende Mütter stehen dem neu in die Gruppe kommenden Männchen für die Fortpflanzung nicht zur Verfügung. Da aber Alpha-Männchen nur eine begrenzte Zeit die Möglichkeit haben, eigenen Nachwuchs zu zeugen (weil andere Männchen nur darauf warten, sie zu entthronen), beschleunigen sie die Wiederaufnahem des Fruchtbarkeitszyklus, indem sie den Nachwuchs töten, der nicht ihr eigener ist. Kindstötungen wären somit eine Strategie der Männchen, Mütter rascher wieder empfängnisbereit zu machen, rascher als es sonst - wenn ihre Jungen überlebten und weiter gestillt würden - der Fall wäre. Bei Bärenpavianen beträgt die Zeitsspanne der Weibchen zwischen Geburt und erneuter Schwangerschaft in der Regel 18 Monate. Stirbt das Junge jedoch, nimmt die Mutter ihren Sexualzyklus meist direkt danach wieder auf und wird innerhalb der nächsten fünf Monate wieder schwanger. Infantizid kann daher die Befruchtung von Weibchen potenziell beschleunigen. Auch könnten Männchen mitunter in anderer Hinsicht profitieren, etwa durch die Ausschaltung künftiger Nahrungskonkurrenz. Dies scheint jedoch nicht das Hauptmotiv zu sein, denn erst kürzlich entwöhnte Jungtiere, die nun feste Nahrung zu sich nehmen, werden nur selten getötet.

Einer dritten Theorie liegt die Vorstellung zugrunde, dass Infantizid ein uabsichtlicher Nebeneffekt von Aggressionen ist, wie sie mit einem Wechsel des Haremsbesitzers einherght. Dieser Ansicht zufolge geraten Jungaffen einfach eher als andere Gruppenmitglieder "dazwischen", wenn ein neues Männchen immer wieder Angriffe startet, um seine Herrschaft innerhalb der Gruppe zu festigen. DNA-Proben aus dem Kot von Hanumanlanguren in Ramnagar, Nepal, sprechen jedoch eine andere Sprache: Demnach töten die Männchen nicht wahllos, sondern attackieren speziell die von anderen Geschlechtsgenossen gezeugten Jungen.

Infantizid ist bisher vorwiegend bei Gruppen mit einem einzelnen Männchen beobachtet worden, findet jedoch aktuellen Studien zufolge auch in Gruppen mit mehreren Männchen statt. Bei Bärenpavianen in Botswana, deren Gruppen aus drei bis zehn erwachsenen Männchen, einem Dutzend erwachsener Weibchen und vielen Jungaffen bestehen, versucht ein neues Männchen nach Erreichen des Alpha-Status Kinder zu töten, die vor seiner Ankunft in der Gruppe gezeugt wurden. Danach paart es sich mit den Müttern, sobald sie ihren Sexualzyklus wieder aufgenommen haben. Etwa ein Drittel bis die Hälfte aller neuen Alpha-Männchen begehen auf diese Weise Infantizid und da sie bevorzugt sexuellen Zugang zu Weibchen haben, profitieren sie am meisten von den Kindstötungen.

Diese Beobachteungen sprechen dafür, dass der Infantizid bei männlichen Bärenpavianen eine adaptive Fortpflanzungsanpassung ist. Unter den nahe verwandten ostafrikanischen Anubispavianen ist Infantizid dagegen viel seltener. Die Gründe für diesen Unterschied sind unklar, doch ein Faktor scheint wesentlich: Männliche Bärenpaviane sind nur sehr kurz (für etwa sieben Monate) in der Alpha-Position, während Anubispaviane ihren Status ein bis vier Jahre halten können. Sie haben also viel mehr Zeit, Nachwuchs in die Welt zu setzen, während die anderen in Eile sind. Nicht nur diese Befunde sprechen dafür, dass Infantizid die Fortpflanzungschancen eines Männchens erhöht.

Dennoch bleibt die Kindstötung bei einem anderen Primaten, der auch in einem multimale-multifemale Sozialsystem (viel-Männchen-Gemeinschaft) lebt, ein Rätsel. Die Rede ist vom Schimpansen, unserem biologisch nächsten Verwandten. Keine der hier aufgeführten Einzelhypothesen kann das Infantizidmuster bei Schimpansen erklären. Alle drei erwähnten Hypothesen könnten zutreffen - zusätzlich zur Möglichkeit, dass Kinder als Nahrungsquelle genutzt werden. So töteten Männchen in einigen Fällen Jungaffen von benachbarten Gruppen, ohne daraus erkennbaren reproduktiven Nutzen zu ziehen, da die Mütter nicht zu ihrer Gruppe gehörten.

Auch weibliche Schimpansinnen begehen Infantizid ohne augenscheinlichen Grund. Die Rede ist von einer Beobachtung, die Primatenforscher um Simon W. Townsend im Budongo-Wald in Uganda gemacht haben. Zwischen 2004 und 2006 ereigneten sich dort offenbar drei Fälle von Kindstötung, die allesamt auf das Konto von Weibchen gingen. Der entscheidende Punkt dabei: Die Tötungen fanden am Schluss einer jahrelangen Einwanderungsperiode statt, die das Geschlechterverhältnis von Männchen und Weibchen kontinuierlich verschob, zuletzt betrug es nur mehr eins zu drei. Townsend interpretiert die Vorfälle im Budongo-Wald als Ausdruck der erhöhten Konkurrenz zwischen Weibchen, insbesondere um Nahrung und Sexualpartner.

Auch beim Menschen haben Kindstötungen offenbar wenig mit mannlicher Konkurrenz um Paarungschanchen zu tun. Die Entscheidung für einen Infantizid wird meist von der Mutter oder dem Vater des Kindes getroffen, und nicht von konkurrierenden Individuen, was zumindes bei Frühmenschen für eine elterliche Kontrolle von Fortpflanzung oder Fruchtbarkeit als Ursache spricht. Selbst wenn der Infantizid von Stiefvater oder Stiefmutter begangen wird, scheint das Motiv eher eine abnehmende Bereitschaft zu sein, Anstrengungen und Resourcen in den Nachwuchs anderer zu investieren - und nicht das Beiseiteschaffen von Kindern, um einen direkten Paarungsvorteil zu erlangen.

Einige Forscher sind der Ansicht, dass sich enge soziale Bindungen zwischen männlichen und weiblichen Primaten als Abwehrmaßnahme gegen Infantizid entwickelt haben. Dazu gibt es einige interessante Beobachtungen: Ungefähr zum Zeitpunkt der Geburt versuchen die Weibchen der Bärenpaviane oft, freundschaftliche Beziehungen zu einem ganz bestimmten erwachsenen Männchen herzustellen. Sie bleiben dicht bei ihm, folgen ihm überall hin, pflegen sein Fell und erlauben später ihm allein, das Neugeborene zu berühren. Warum versuchen werdende Mütter derartige Verbindungen mit einem Männchen zu schaffen? Zumindes bei Bärenpavianden könnte die Antwort ganz einfach zu sein: Um ihre Kinder vor Infantizid zu schützen, denn der Freund eines Weibchens ist eher als andere Männchen in der Gruppe bereit, deren Kind aktiv zu verteidigen. Zudem scheitern Attacken eines neuen Alpa-Männchens in der Regel, wenn Freunde des Weibchens dazwischen gehen. Umgekehrt gelingen solche Attacken eher, wenn diese Freunde nicht da sind. So wurde in einer neuen Studie bei allen Attacken von neuen Alpha-Männchen, in denen die Kinder unverletzt entkamen, eine direkte Intervention männlcher Feunde beobachtet. Bei zwei Drittel aller Attacken, in denen die Kinder schwer verletzt oder gar getötet wurden, waren diese Freunde dagegen nicht in der Nähe.

Ob diese Männchen die Kinder, die sie beschützen, auch gezeugt haben, ist noch ungewiss, doch wird sich dies in Zukunft dank genetischer Analysen herausfinden lassen. Sind jene Männchen nicht die Väter, könnte das "freundschaftliche" Verhalten ihre Chanchen erhöhen, um von ihren Freundinnen als Väter zukünftiger Kinder bevorzugt werden.

Zwar erscheint der Infantizid als negatives und "unsoziales" Verhalten, doch könnte er evolutionär betrachtet der Auslöser für die Ausprägung positiver sozialer Bindungen und "Paarbindungen" sein, die Männchen und Weibchen bei vielen Primatenarten eingehen. Möglicherweise erklärt Infantizid sogar die Entstehung von starken Bindungen bei unseren eigenen äffischen Vorfahren, den Australopithecinen.

Literatur

Palombit R. 2001. Why primates kill their young: Incidences of Infanticide in Monkey and Ape Species. In: D. Macdonald (ed.) The New Encyclopedia of Mammals. p. 370. Oxford University Press