Primaten-Seite
Letzte Meldung:    Nachtaffen betrügen nicht!

Sozialverhalten der Primaten

Eine Gruppe Paviane

Die Größe und Zusammensetzung der Gruppen, in denen Primaten ihre täglichen Aktivitäten verrichten und die Methoden, wie sie ihren Lebensraum erkunden, sind die am besten untersuchten Aspekte des Verhaltens und der Ökologie dieser Säugetierordnung. Alle Primaten sind soziale Tiere, sie interagieren regelmäßig mit anderen Mitgliedern ihrer Spezies (Charles-Dominique, 1971).

Die meisten tagaktiven Arten (und einige nachtaktive) sind auch sehr gesellig - sie gehen gemeinsam auf Nahrungssuche, streifen gemeinsam umher und schlafen meist in Gruppen. Die Zusammensetzung dieser sozialen Gruppen unterscheidet sich jedoch von Art zu Art erheblich.

Mehrere verschiedene Gruppentypen kommen bei heute lebenden Primaten besonders häufig vor. Die einfachste und sicherlich primitivste soziale Gruppe nennt man Kernfamilie (frz. Noyau), die bereits die primitivsten, nachtaktiven Säugetiere (Charles-Dominique, 1983) zu charakterisieren scheint. Die Grundeinheit dieser Gruppenordnung sind jeweils die Weibchen und ihre Nachkommen. In der Noyau bilden erwachsene Männchen und Weibchen keine dauerhaften, gemischtgeschlechtlichen Gruppen, stattdessen überlappen die Territorien der Männchen mehrere weibliche Territorien. Obwohl die beiden Geschlechter nicht zusammen umherstreifen, gibt es also noch genug Raum für Interaktionen, bei denen die Männchen den reproduktiven Status der Weibchen in Erfahrung bringen können und die Weibchen die Möglichkeit haben, einen geeigneten Fortpflanzungspartner auszusuchen.

Die nächste einfache Gruppierung, zumindest in Bezug auf die Zahl der Individuen, ist die monogame Familie, bestehend aus einem erwachsenen Weibchen, einem erwachsenen Männchen und deren Nachkommen. Nichtmenschliche Primaten, die in solchen Familien leben, scheinen oft ein Leben lang zusammenzubleiben, und es herrscht in der Regel intensive territoriale Konkurrenz zwischen benachbarten Gruppen. Der größte Teil dieses Wettbewerbs scheint intersexuell zu sein: Männchen konkurrieren mit anderen Männchen, Weibchen mit anderen Weibchen.

Eine der interessantesten Entdeckungen der Primatenforschung in den letzten Jahrzehnten war die Erkenntnis, dass viele Marmosetten und Tamarine (kleine Neuweltaffen) in polyandrischen Gruppen leben, bestehend aus einem einzigen Weibchen, das sich mit mehreren sexuell aktiven Männchen fortpflanzt (Terborgh und Goldizen, 1985). In diesen Gruppen beteiligen sich die Männchen - sowie viele andere Mitglieder der Gruppe - an der Aufzucht des Nachwuchses. Einige Autoren haben vorgeschlagen, dass man diese Gruppen besser als "kommunales Fortpflanzungssystem" (Sussman und Garber, 1987) bezeichnen sollte.

Viele Primaten leben in Gruppen, die aus einem einzigen erwachsenen Männchen sowie aus mehreren Weibchen und deren Nachkommen bestehen. Diese Gruppen mit nur einem dominanten Männchen sind fast ausnahmslos durch Übernahmen charakterisiert, bei denen junge, außenstehende Männchen den Gruppenchef verdrängen, seine Nachkommen töten und sich anschließend mit den Weibchen paaren. Erwachsene Männchen, die nicht mit Weibchen zusammenleben, bilden bei einigen Arten reine Männergruppen, bei anderen Arten sind sie Einzelgänger.

Im Gegensatz zu diesen Ein-Männchen-Gruppen leben viele Primatenarten in großen Gruppen mit mehreren erwachsenen Männchen, zahlreichen Weibchen und Nachkommen, die gemeinsam auf Nahrungssuche gehen. Solche Gruppen sind nach innen durch eine komplexe Politik und harten Wettbewerb gekennzeichnet. Die Unterscheidung zwischen einer Ein-Männchen-Gruppe und einer solchen Mehr-Männchen-Gruppe ist bei vielen heutigen Primaten sehr schwierig. Wenn die männlichen Nachkommen einer Ein-Männchen-Gruppe heranreifen, scheinen viele dieser Gruppen sich in Mehr-Männchen-Gruppen zu verwandeln. Auch kann die Zusammensetzung der Primatengruppen innerhalb einer Art von Faktoren wie Gruppengröße oder Populationsdichte abhängen. Aufgrund dieser unscharfen Unterscheidung haben Eisenberg et al. (1972) eine Zwischenstufe der sozialen Gruppe eingeführt, die sie age-graded (altersabgestufte) Gruppe nennen.

Es gibt viele Primatenarten, deren soziale Organisation nicht so leicht eingeordnet werden kann, da sich die Zusammensetzung der Gruppierungen schon bei verschiedenen Aktivitäten ändert, oder vielleicht zu den verschiedenen Jahreszeiten. Mantelpaviane (Papio hamadryas) suchen beispielsweise den ganzen Tag in Haremsgruppen nach Nahrung. Diese Gruppen bestehen aus einem Männchen, aus einem oder wenigen Weibchen und deren Nachkommen. Jeden Abend versammeln sich aber Dutzende dieser kleinen Gruppen auf einem einzigen Schlaf-Felsen, und manchmal bewegt sich die gesamte Truppe als Einheit von einem Gebiet zum anderen. Unter Schimpansen sind die sozialen Einheiten noch fließender - sie leben in einer sogenannten "Fission-Fusion" Gesellschaft. Erwachsene Weibchen gehen in der Regel allein oder mit ihrem Nachwuchs auf Nahrungssuche, während erwachsene Männchen sich häufiger in Gruppen zusammenfinden. Dennoch kommen diese Untergruppen einer Gemeinschaft häufig an einer besonders reichen Nahrungsquelle zusammen. Einzelne Individuen können sich aus verschiedenen Gründen zusammentun.

Diese Kategorien der sozialen Organisation, wie alle solche Klassifikationen, liefern hauptsächlich einen bequemen Rahmen, um verschiedene Arten miteinander zu vergleichen. Das letztendliche Ziel dieser Einstufungen ist die Untersuchung der Faktoren, die zu dieser Vielfalt in der sozialen Organisation führten. Die sozialen Gruppierungen der Primaten sind das Ergebnis vieler selektiver Faktoren, von denen jeder einzelne auf eine andere Weise die Größe, Zusammensetzung und Dynamik der sozialen Gruppe beeinflusst. Es ist die Dynamik der interindividuellen Interaktion - und nicht nur die Anzahl von Männchen und Weibchen - die feste Anhaltspunkte für das Verständnis der sozialen Systeme der Primaten liefert (Rubenstein und Wrangham, 1986; Strum, 1987). Es ist aber auch wichtig zu beachten, dass diese selektiven Faktoren einzelne Gruppenmitglieder in einer etwas anderen Weise beeinflussen. Faktoren, die von entscheidender Bedeutung für ein Individuum sind, sind möglicherweise weniger bedeutsam für ein Individuum des anderen Geschlechts, unterschiedlichen Alters oder Verwandtschaft.

Die meisten frühen Erkenntnisse über das Sozialverhalten von Primaten stammen aus Studien, die nur ein oder zwei Jahre dauerten. Es gibt jedoch eine wachsende Zahl von Langzeit-Studien die darauf hinweisen, dass Individuen häufiger ihre Truppen wechseln, als man früher vermutete. Primtengruppen sollten nicht als stabile, dauerhafte Einheiten betrachtet werden, denn es gibt viele dynamische Vorgänge, die sich ständig ändern, zum Beispiel wenn Individuen geboren werden, heranreifen, abwandern, zuwandern, sich fortpflanzen oder sterben. Viele Studien zeigen, dass sich die soziale Struktur innerhalb einer Art oft mit unterschiedlicher Verfügbarkeit von Ressourcen ändert oder auch durch zufällige demografische Schwankungen. Diese dynamische Natur der Primatengruppen unterstützt die Vorstellung, dass sie das Ergebnis vieler selektiver Faktoren sind, welche sich auf jedes einzelne Individuum auswirken.

Fotostrecke
Dein Kommentar
Siteinfo
Online 1  gestern 365  heute 227
Letztes update: 19.03.2014
P. Charles-Dominique. 1971. Sociologie chez les lemuriens. La Recherche 15:780-781

J. F. Eisenberg, N. A. Muckenhirn, R. Rudran. 1972. The relationship between ecology and social structure in primates. Science 176:863-874

P. Charles-Dominique. 1983. Ecology and social adaptations in didelphid marsupials: Comparison with eutharians of similar ecology. In: J.F. Eisenberg and D. Kleiman (eds.) Advances in the sudy of Mammalian Behavior, pp-395-422. Special Publication no. 7, American Society of Mammalogists.

J. Terborgh, and A. Wilson Goldizen. 1985. On the mating system of the cooperatively breeding saddle-backed tamarin (Saguinus fuscicollis. Behav. Ecol. Sociobiol. 16:293-299

R. W. Sussman, and P. A. Garber. 1987. A new interpretation of the social oranization and mating system of the Challitrichidae. Int. J. Primatol. 8:73-92

D. I. Rubenstein, R. W. Wrangham. 1986. Ecological Aspects of Social Evolution. Princeton, N.J.: Princeton University Press

S. C. Strum. 1987. Almost Human. New York: Random House

B. B. Smuts, D. L. Cheney, R. M. Seyfarth, R. W. Wrangham, and T. T. Struhsaker (eds.) 1987. Primate Societies. University of Chicago Press.

Boinski S. and Garber P. A. 2000. On the Move: How and Why Animals Travel in Groups. University of Chicago Press, Chicago.