Sozialverhalten
der Primaten
Das Sozialverhalten der Primaten ist bei weitem ihr auffälligstes Merkmal. Nahezu alle Tier- und Menschenaffen leben in Gruppen, ebenso die Mehrzahl der Feuchtnasenaffen. Anders als viele andere gesellige Tiere bleiben Primaten ihrer Gruppe gewöhnlich treu. Das Hauptmotiv für die Gruppenbildung scheint die von Fressfeinden ausgehende Gefahr zu sein.
Das Zusammenleben hat zwar auch Nachteile - Nahrungskonkurrenz bedeutet, dass für jeden Happen mehr Mühe aufgewendet werden muss - doch das geringere Risiko, gefressen zu werden, macht dies wieder wett. Die zahlenmäßig größten Verbände aller Primaten bilden die Dscheladas. Sie grasen auf offner Fläche im äthiopischen Hochland und leben in stabilen Horden von 150 bis 600 Mitgliedern zusammen.
Da eine große Gruppe leichter eine ergiebige Futterquelle wie einen Früchte tragenden Baum für sich allein in Anspruch nehmen kann, ist die Gruppengröße für das einzelne Tier von Vorteil. So haben bei den Braunen Kapuzinern von Hato Masaguaral (Venezuela) Weibchen, die in größeren Verbänden leben, eine höhere Geburtenrate. Dies ist auf ihren besseren Ernährungszustand zurückzuführen, der wiederum eine Folge des leichteren Zugangs zu Fruchtbäumen ist. Allerdings stellt dies eher eine Ausnahme dar, da die Geburtenraten in kleineren Horden wegen der geringeren Futterkonkurrenz meist höher sind.
Die Gruppengröße ist aber nur ein Aspekt von Primatengesellschaften. Eine Rolle spielt auch die Zusammensetzung der Verbände. Im Mittelpunkt steht meist das Weibchen mit seinen Nachkommen. Bei Echten Affen und einigen Lemuren (u.a. Halbmakis, Braunen Makis, Sifakas und Indris) tragen die Mütter ihre Kinder mit sich herum. Bei den nachtaktiven Strepsirhini und den übrigen Lemuren „parken” die Mütter ihren Nachwuchs in einem Nest.
Weibchen haben die Möglickeit, miteinander Nahrung zu suchen oder einander zu meiden. In letzterem Fall können sie auch mit einem einzelnen adulten Männchen umherstreifen oder allein bleiben. Sind sie ganz allein unterwegs, besitzen sie häufig kleine Reviere, die sich mit denen der anderer Weibchen überlappen. Die Männchen verteidigen meist weitläufigere Bezierke, die mehrere Weibchenreviere umfassen. Rangniedrige Männchen dagegen müssen oft auf weniger geeignete Lebensräume ausweichen und sind dadurch vom Zugang zu Weibchen ausgeschlossen. Diese soziale Muster beobachtet man bei Orang-Utans und vielen nachtaktiven Strepsirhini.
Bei anderen Arten bildet ein monogames Paar die Basiseinheit der Gruppe. Dann geht das Weibchen zusammen mit dem Männchen auf Nahrungssuche und beide verteidigen gemeinsam ein Revier. Da es aus evolutionärer Sicht im Interesse eines Männchens liegt, so viele Weibchen wie möglich zu begatten und deshalb ein Revier zu verteidigen, das die Reviere mehrerer Weibchen umfasst, erscheint es rätselhaft, warum die Monogamie bei einzelnen Arten fortbestehen konnte. Am wahrscheinlichsten ist die Erkklärung, dass in diesem Fall die Männchen eine wichtige Rolle bei der Aufzucht der Nachkommen spielen, indem sie sie vor Fressfeinden und anderen Männchen beschützen. Diese Verhalten verringert zwar die Anzahl von Weibchen, die ein Männchen befruchten kann, erhöht aber die Aussichten jedes Männchens auf überlebende Nachkommen. Zu den monogamen Arten der Primaten zählen Indris, Spring- und Nachtaffen sowie Gibbons und - je nach religiöser Ausrichtung - auch Menschen.
Wenn Weibchen gemeinsam auf Futtersuche gehen, können sie von einem oder mehreren adulten Männchen begleitet werden. Die genaue Zahl hängt davon ab, wie leicht es ist, andere Mannchen am Zugang zu den Weibchen zu hindern. Ein einzelnes Männchen einer "Ein-Männchen-Gruppe" ober eines Harems kann nur eine kleine Zahl von Weibchen gegen andere Männchen verteidigen. Eine derartige soziale Organisation haben die meisten Meerkatzen, viele Stummel- und Schlankaffen sowie einige Pavianarten und Gorillas. Aus diesen Gruppen ausgeschlossene Männchen bilden oft zusammen mit anderen reine "Junggesellengruppen". Leben solche Arten auf Bäumen oder in Wäldern (z.B. Schlankaffen und Meerkatzen), verteidigen sie in der Regel ein Revier. Bodenlebende Arten (z.B. Dcheladas, Mandrills und Stumpfnasen) besitzen dagegen keine Reviere und schließen sich bei stärkerer Bedrohung durch Raubtiere oder aber bei Nahrungsüberfluss zu größeren Verbänden zusammen.
Sobald jedoch mehr als sechs bis zwölf Weibdchen in einer Gruppe leben, wird es schwierig, andere Männchen auszuschließen. So entsteht eine Gemeinschaft mit mehreren Männchen. Neben anderen Arten leben die neuweltlichen Kapuziner- und Brüllaffen sowie die altweltlichen Makaken und Mantelpaviane in derartigen Gruppen. Sie haben keine Reviere, weil diese wegeen der hohen Mitgliederzahl sehr groß sein müssten und deshalb schwer zu verteidigen wären.
Angesichts der Flexibilität, die Primaten in ihrem Verhalten an den Tag legen, überraschte es nicht, dass es zu diesen Grundtypen sozialer Organisation weitere Varianten gibt. Bei Marmosetten und Tamarinen z.B. ist die Zusammensetzung der Gruppen sehr dynamisch: Die Weibchen verhalten sich sowohl mono- oder polygam (mehrere Weibchen teilen sich ein Männchen) als auch polyandrisch (ein Weibchen paart sich mit mehreren Männchen). Und obgleich mehrere erwachsenen Weibchen in einer Gruppe zusammenleben können, bekommt nur eines davon Nachwuchs.
Ein anderes Gesellschaftsmodell ist bei Schimpansen und Klammeraffen zu finden. Ihre Gruppen sind nicht konstant, gehören aber größeren stabilen Gemeibnschaften an. Die Reviere der Weibchen überlappen stark und die Schimpansinnen treffen an guten Futterplätzen zusammen. Gruppen miteinander verwandter Männchen monopolisieren den Zugang zu den Weibchen.
B. B. Smuts, D. L. Cheney, R. M. Seyfarth, R. W. Wrangham, and T. T. Struhsaker (eds.) 1987. Primate Societies. University of Chicago Press.
Boinski S. and Garber P. A. 2000. On the Move: How and Why Animals Travel in Groups. University of Chicago Press, Chicago.
