Lemuren- und Loriverwandte

Buschbabys, Loris und Pottos (Galagonidae, Loridae)


Buschbabys, Loris und Pottos sind relativ kleine Baumbewohner, die nach Geschlechtern getrennt allein auf Nahrungssuche gehen. Viele ihrer Merkmale und Eigenschaften stellen hoch entwickelte Spezialisierungen dar.

Buschbabys, auch bekannt unter dem Namen Galagos, sind nachtaktive Primaten. Ebenso nachtaktiv sind die in diesem Kapitel behandelten Loris und Pottos. Diese Gruppe von Primaten, die man taxonomisch in der Überfamilie Loroidea zusammenfasst, ähneln sehr stark den Lemuren Madagaskars, mit denen sie einen gemeinsamen Vorfahren teilen.

Buschbabys, Loris und Pottos (Galagonidae, Loridae) - primata.de
Plumplori
Riesengalago
Riesengalago

Wenn man die Loriverwandten hinsichtlich ihres Körperbaus und ihrer Fortbewegung betrachtet, kann man zwei Gruppen ausmachen: die agilen und schnellen Galagos und die sich langsam bewegenden Loris und Pottos mit ihren annähernd gleichlangen Armen und Beinen und kurzen, stummeligen Schwänzen. Die Loriverwandten klettern oder laufen auf allen vieren im Geäst, und beim Wechsel der Bäume recken sie sich von einem Astende zum nächsten.

Bärenmakis kann man in ihrem Verbreitungsbebiet gelegentlich dabei beobachten, wie sie über den Waldboden laufen, ansonsten verlassen Loris und Pottos die Bäume nie. Durch die Anhäufung von Blutgefäßen in den Handgelenken und den Knöcheln sind sie in der Lage, über den ganzen Tag hinweg sehr fest zuzugreifen. Diese Anhäufung nennt man Rete mirable, zu deutsch Wundernetz - es versorgt die beim Zugreifen beteiligten Muskeln zusätzlich mit Sauerstoff und Nährstoffen und entsorgt Stoffwechselabfälle wie z.B. Milchsäure, die sonst zu Krämpfen oder anderen Schäden führen würden.

Alle Loriverwandten machen Jagd auf Insekten, Wirbellose oder kleine Wirbeltiere. Galagos fangen Insekten mit einer Hand aus der Luft, die sie vorher mit ihrem Gehör ausgemacht haben. Loriverwandte machen auch nicht Halt vor giftigen oder für andere Tiere ungenießbaren Wirbellosen, so spüren sie langsame oder ungewegliche Insekten mit Hilfe ihres Geruchssinns auf und fressen sogar giftige Tausendfüßler oder Raupen mit Gift- oder Brennhaaren. Der Bärenmaki beispielsweise hält den Kopf der Raupen mit den Zähnen fest, während er die giftigen Haare mit den Händen abstreift. Da der Grundumsatz an Kalorien bei Loris und Pottos um ca. 40 % niedriger ist, als bei anderen Tieren vergleichbarer Größe, hat der Darm genügend Zeit die Gifte zu neutralisieren, bevor sie in den Blutkreislauf gelangen und wirken können. Andere Arten haben sich zusätzlich auf Baumsäfte spezialisiert, wie z.B. der Südliche Kielnagelgalago, dessen Nahrung bis zu 75 % aus Harzen und Baumsäften besteht oder der Moholi und Senegalgalago, die sich bis zu 50 % von Baumsäften ernähren.

Loriverwandte verfügen ähnlich wie die Lemuren über einen ausgeprägten Geruchssinn - ein Umstand, der durch die Schnauzenlänge und den feuchten Nasenspiegel unterstützt wird. Die reflektierende Schicht in ihren großen Augen, das Tapetum lucidum ?, ermöglicht es den Tieren bei Nacht ausgezeichnet zu sehen. Loris und Pottos haben relativ kleine Ohrmuscheln, die der Galagos sind jedoch groß und beweglich. Sie können ihre Ohren unabhängig voneinander bewegen und sie flach an den Kopf anlegen.

Alle Loris haben an den Zehen Nägel, mit Ausnahme des zweiten Zehs, der mit einer sogenannten Putzkralle versehen ist. Loriverwandte sind nicht in der Lage, Daumen und Großzehe den anderen Hand- und Fußgliedern gegenüber zu stellen, wie das bei Menschenaffen und Tieraffen der Fall ist. So können die Tiere nur mit der ganzen Hand greifen, was Auswirkungen auf die Feinmotorik beim Umgang mit Nahrung hat.

Loriverwandte treffen auf der Futtersuche häufig auf Artgenossen, deren Reviere sich mit ihren eigenen überlappen, ansonsten verbringen sie die meiste Zeit der Nacht allein. Kommt es jedoch zu solchen Begegnungen, tauschen die Tiere Signale in Form von Lauten oder Düften aus - oder sie putzen sich gegenseitig. Die unteren Schneidezähne und Eckzähne sind in Form eines Kamms angeordnet, sodass sie sich gut für die Fellpflege eignen, sich aber auch beim Verzehr von Insekten und Baumsäften einsetzen lassen. An der Unterseite der Zunge befindet sich ebenfalls ein fleischiger Kamm mit scharfen und harten Spitzen, die zwischen die Lücken im Zahnkamm passen und zu dessen Reinigung dienen.

Die Kommunikation geschieht über Düfte und Laute, so besitzen sowohl Galagos als auch Loris eine ganze Anzahl von Drüsen, die - je nach Art - entweder unter dem Kinn, an der Brust, nahe der Genitalien oder an der Innenseite der Ellenbogen liegen. Mit dem Sekret der Drüsen setzen sie Duftmarken an unterschiedlichen Orten: am eigenen Körper oder am Körper des anderen Geschlechts oder an den Grenzen der Reviere.

Loris und Pottos verständigen sich mehr mit Lauten, die dem Anzeigen von Gefahr oder Aggression dienen, vor allem aber in der Mutter-Kind-Beziehung eine Rolle spielen. Alle Arten der Galagos verügen über ein Lautrepertoire von zehn oder mehr Rufen, wobei viele komplex, andere einfach und reich an Wiederholungen sind.

Während viele Arten wie Moholi, Riesengalago oder Senegalgalago in absehbahrer Zeit nicht Gefahr laufen, lokal oder generell auszusterben, sieht die Zukunft jener Arten nicht gerade rosig aus, die nur in tropischen Wäldern vorkommen, die ihrerseits immer mehr zusammenschrumpfen und selbst in ihrem Fortbestand gefährdet sind. So gelten in Afrika die Buschwald-, Sansibar- und Somaliagalagos genauso zu den berohten Arten wie Kielnagelgalagos oder die neu entdeckte Art Grantgalago. Auch um die Zukunft der Loris Süd- und Ostasiens ist es nicht gerade gut bestellt, denn große Waldflächen, die ihre Lebensgrundlage bilden, fallen der Kettensäge zum Opfer.

Systematik


Literatur

Macdonald, D. (2001) The New Encyclopedia of Mammals: 1;. Oxford University Press, London.