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Gibbons, kleine Menschenaffen (Hylobatidae)

Gibbons, kleine Menschenaffen (Hylobatidae) - primata.de
Siamang (Symphalangus syndactylus)

Aus längst vergangenen Tagen stammt der Irrglaube, dass Menschen und Menschenaffen von einem Vorfahren abstammen, der sich von Ast zu Ast durch die Dächer der Regenwälder schwang. Menschenaffen und Menschen haben zwar lange Arme und sehr bewegliche Schultern, sie können aufrecht gehen oder stehen, aber schwingen und hangeln in Perfektion beherrschen nur die Gibbons, die sich so zielsicher und akrobatisch durch das Geäst bewegen.

Gibbons stoßen unverkennbare, komplexe Rufe aus, und sind so für die einzigartige Stimmung in asiatischen Regenwäldern mitverantwortlich. Als Ganzes repräsentieren die Gibbons mit ihren Gewohnheiten wie Monogamie, ausgeprägte Territorialität, frugivore Ernährung, hangelnde Fortbewegung und komplexe Gesänge eine einzigartige Gemeinschaft unter den Primaten. Die Gesänge der Gibbons werden hauptsächlich im Duett vorgetragen und scheinen vermutlich dazu zu dienen, Paarbindungen zu suchen oder zu festigen, sowie fremde Gibbons vom Territorium der Familiengruppe fernzuhalten.

Dieses auffälligste Sozialverhalten, das sich bei den meisten Gibbonarten entwickelt hat, dauert durchschnittlich 15 Minuten pro Tag und variiert in der Häufigkeit von zweimal pro Tag bis zu einmal alle fünf Tage. Silber- und Mentawai-Gibbons singen nicht im Duett, die Weibchen der letzteren geben erstaunliche Strophen von sich („great call“). Die Solos der Männchen von Lar, Schlank-, Mentawai- und Borneo-Gibbons zur Morgendämmerung sind ebenfalls besonders eindrucksvoll.

Als Fruchtfresser und Baumbewohner sind Gibbons von immergrünen tropischen Regenwäldern abhängig und so trifft man sie als reine Asiaten überall auf dem südostasiatischen Festland und auf der Inselwelt des Sundaschelfs an. Die Vorfahren der Gibbons wanderten vermutlich vor einer Million Jahren in Südostasien ein. Aus ihnen bildetetn sich die drei Stammeslinien im Südwesten, im Nordosten und im Osten heraus, aus denen sich schließlich dann Siamangs, Schopfgibbons und die anderen Arten entwickelten.

Das Festland war während der frühen Vereisungsperioden wahrscheinlich unbewohnbar, aber später, während der Zwischeneiszeiten, eroberten die Gibbons der östlichen Gruppe ebenfalls das asiatische Festland, wo sie die größten Veränderungen erfahren sollten. Aus dieser Gruppe entwickelte sich zunächst der Hulock (im Westen der Mentawai-Gibbon), dann der Kappengibbon und schließlich, während der letzten Eiszeit, Schlankgibbon und Lar, auf Borneo und Java der Borneo- bzw. Silbergibbon.

Im Verlauf der Jahrtausende hat sich das Verbreitungsgebiet der Gibbons immer weiter nach Süden verlagert, denn in tausend Jahre alten chinesischen Schriften heißt es, dass man sie im Norden bis an den Gelben Fluss (Huáng Hé) gesichtet hat.

Im Regenwald werden Früchte zu ganz unterschiedlichen Zeiten des Jahres reif, so dass saftige Leckerbissen eigentlich immer verfügbar sind. Die Fortpflanzung von Früchte tragenden Bäumen hängt von Tieren ab, die den Samen der Pflanzen verbreiten. In dieser Funktion nehmen die Gibbons eine wichtige Stellung ein, da sie verstreute Nahrungsquellen mit reifen Früchten bevorzugen und so sehr effizient bei der Samenverbreitung mitwirken. Anders als manche andere Primaten, die unreifes Obst leichter verdauen können, ernähren sich Gibbons hauptsächlich von reifen Früchten und Unmengen von jungen Blättern. Als Ergänzung zum vegetarischen Speisezettel fressen Gibbons auch Wirbellose als wichtige Quelle tierischer Proteine. Etwa ein Drittel ihrer Tagesaktivität (9 bis 10 Stunden) verbringen Gibbons mit der Nahrungsaufnahme und ein Viertel ihrer Zeit mit Umherstreifen im Revier.

Während ihrer Evolution haben Menschenaffen einen ausgeprägten Sexualdimorphismus entwickelt - ausgenommen Menschen und Gibbons, bei denen sich Männchen und Weibchen, was die Körpergröße betrifft, eher gleichen. Die Beine der Gibbons sind überraschenderweise länger als man erwartet, die Tiere sind klein und bewegen sich sehr elegant und anmutig. Was man ebenfalls nicht erwartet: Sie können besser auf zwei Beinen laufen als die Großen Menschenaffen und tun dies nicht nur auf dem Boden, sondern auch auf dicken Ästen im Blätterdach. Männchen und Weibchen sind zwar fast gleich groß, dafür unterscheiden sie sich deutlich in der Färbung ihres Fells, was besonders für das Gesicht zutrifft. Manche Gibbons besitzen einen Kehlsack, den sie als Klangkörper für ihre lauten Rufe und Gesänge benutzen. Anhand dieser Rufe, besonders derjenigen erwachsener Weibchen, lassen sich die einzelnen Gibbonarten am leichtesten unterscheiden.

Gibbons sind, evolutionär betrachtet, die erfolgreichsten Menschenaffen - bis in die heutige Zeit hinein haben viele Arten überlebt, dagegen waren die meisten, einst sehr artenreichen Großen Menschenaffen am Ende des Miozän bereits schon wieder ausgestorben. Die verschiedenen Arten der Gibbons haben sich in den vergangenen Millionen Jahren in den Wäldern Südostasiens entwickelt, wobei sie, abgesehen vom Siamang, keine großartigen anatomischen Veränderungen erfuhren. Sie behielten dieselbe Körperform wie ihre Vorfahren bei, die sich auch schon hangelnd durch das Geäst schwangen.

Die Weibchen der Gibbons bringen in der Regel alle zwei Jahre ein Junges zur Welt, was zur Folge hat, dass gewöhnlich neben dem Elternpaar noch zwei bis vier heranwachsende Jugendliche zum Familienverband gehören. Die Tragzeit beträgt bei Gibbons bis zu acht Monate und die Jungen werden für gewöhnlich im Alter von einem Jahr von der Muttermilch entwöhnt. Ganz und gar außergewöhnlich für nichtmenschliche Primaten verhält sich der Siamang-Mann: Er kümmert sich intensiv um seinen Nachwuchs. Nach der Entwöhnung übernimmt er dessen tägliche Versorgung. Im Alter von etwa drei Jahren werden die Jungtiere vom Vater unterwiesen, wie man sich unabhängig und sicher im Geäst bewegt.

Gibbons stellen für Menschen keine Gefahr dar, weder durch Krankheitserreger noch durch Agressivität. Ihr intelligenter Gesichtsausdruck, die oft aufrechte Haltung und der schwanzlose Körper lassen sie recht menschenähnlich aussehen. So wundert es nicht, dass die einheimischen Völker Indonesiens und auf der Malaiischen Halbinsel die Gibbons als gute Waldgeiser verehren und daher auch nicht jagen. Es ist die Holzindustrie in den betreffenden Ländern, die verantwortlich ist, wenn es irgendwann keine Regenwälder und damit keine Gibbons mehr gibt, wenn hier kein Umdenken erfolgt.

Und so läßt die Abholzung der immergrünen Regenwälder für die Überlebenschancen der Gibbons nichts Gutes ahnen. Die Bestände der Gibbons in Südostasien wurden Mitte der 1970er Jahre auf vier Millionen Tiere geschätzt, doch einige Arten schienen schon damals gefährdet. In den folgenden Jahrzehnten hat die zunehmende Vernichtung des immergrünen Lebensraums jährlich Tausende von Gibbons vertrieben. Als Folge stehen Mentawai-, Schopf- und Silbergibbons am Rande des Aussterbens. Der Bestand der Letzteren ist so im Verlauf von 25 Jahren von ca. 20.000 auf nurmehr 1.000 Tiere geschrumpft. Kappengibbon und Hulock sind in großen Teilen ihres Verbreitungsgebiets ebenfalls so gut wie verschwunden.

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