| Ordnung: | Primates |
| Unterordung: | Haplorrhini |
| Teilordung: | Catarrhini |
| Familie: | Hominidae |
| Gattung: | Homo |
| Art: | H. sapiens |
Es macht einen gelegentlich schon etwas nachdenklich: Der moderne Homo sapiens hat als einziger die 7 Millionen Jahre währende und vielgestaltige Evolution der Hominiden überlebt.
Es gibt heute vom Stamm der Hominini[1] niemanden anderen mehr als uns moderne Menschen. Unser nächster Verwandter ist der Schimpanse. Und auch er sowie Gorilla und Orang-Utan sind vom Aussterben bedroht.
Die meisten Forscher sind gegenwärtig der Überzeugung, dass unsere Spezies vor ungefähr 200 000 - 250 000 Jahren ihren Ursprung in Afrika hatte. Es gibt jedoch zwei wissenschaftliche Lager bezüglich der Frage unserer Herkunft: die einen favorisieren die multiregionale Hypothese, die anderen das Out-of-Africa Modell.
Die Vertreter des multiregionalen Evolutionsmodells nehmen an, dass die Entwicklungslinien aller modernen Menschen zu jenem Zeitpunkt zurückreichen, als Homo erstmals Afrika verließ und den Rest der Alten Welt besiedelte. Die Vertreter dieses Modells haben vorgeschlagen, die als Homo erectus bezeichnete Art (einschließlich des afrikanischen Homo ergaster) aufzugeben und nur noch eine Art, nämlich Homo sapiens, für die pleistozäne Hominidenlinie anzuerkennen.
Die Befürworter des Out-of-Africa-Modells halten dagegen ein derartiges "in einen Topf werfen" (lumping) für unrealistisch. Sie nehmen zahlreiche Artbildungen innerhalb der Gattung Homo an, und werden im Jargon der Paläoanthropologen als "splitter" im Gegensatz zu den "lumpers", bezeichnet. Die Splitter scheinen recht zu behalten, denn verschiedene molekulargenetische Untersuchungen an der DNA heutiger Menschen scheinen den Ursprung des modernen Homo sapiens an verschiedenen Gegenden der Erde unwahrscheinlich zu machen.
Im Verlauf von 100 000 Jahren also, nachdem Homo sapiens vor etwa 200 000 Jahren entstanden war, nimmt der späte Homo sapiens allmählich seine Gestalt an, die sich fast nicht mehr von der Anatomie des modernen Menschen unterscheidet. Im Gegensatz zum frühen archaischen Homo sapiens, der noch recht robust gebaut war, zeigte der späte archaische Homo sapiens nur noch Überaugenwülste als Reminiszenz an Homo erectus. Der moderne Homo sapiens Afrikas ist von den in Europa seit ca. 35.000 Jahren bekannten Formen nicht zu unterscheiden. In Afrika sind die ältesten gut untersuchten Fundstellen des modernen Menschen mindestens 100 000 Jahre alt. Aufgrund von Ausgrabungen in den Klasies-River-Mouth-Höhlen zwischen Kapstadt und Port Elizabeth in Südafrika unter Leitung von Hillary Deacon (Deacon, 1992) und in der Border Cave durch Peter Beaumont wird sogar ein Alter von 120 000 für das erste Erscheinen des modernen Menschen in Afrika für wahrscheinlich gehalten. Ein fast vollständiger Schädel aus Omo/Kibish ist vielleicht sogar 190.000 Jahre alt.
Reste des anatomisch modernen Menschen wurden zunächst in Europa (zum Beispiel 1873 bei Grimaldi in Italien, 1885 bei Brünn, Tschechische Republik, 1888 bei Chancelade und 1909 bei Combe-Capelle in Frankreich und 1914 in Oberkassel bei Bonn) und seither auf allen Kontinenten gefunden. Funde aus der Region um den Mount Carmel im heutigen Israel sprechen dafür, dass die Wanderung des modernen Homo sapiens aus Afrika vor etwa 100 000 Jahren begann. Es war in dieser Zeit nicht schwierig, die Sahara zu durchqueren, längst nicht so schwer, wie bei der ersten Wanderung des Homo erectus. Deutlich mehr Niederschläge hatten dieses Gebiet in ein attraktives Jagdrevier verwandelt, mit grünen, weiten Ebenen, Seen und Flüssen. Das Nahrungsangebot - Wild und essbare Pflanzen - dürfte reichlich gewesen sein.
Israel (Levante) war vermutlich der erste "Zwischenstop" dieser neuerlichen Wanderbewegung, nach dem Homo erectus bereits hunderte von Generationen vorher hier durchgekommen sein muss. Doch auch diese Region wurde zunehmend trockener und folglich die Nahrung knapper. Von hier aus breitete sich der moderne Homo sapiens über die arabische Halbinsel in die ganze Welt aus: In Asien sind die frühesten modernen Menschen, die in Borneo und in China gefunden wurden, ca. 40 000 Jahre alt. In Europa ist Homo sapiens seit etwa 35 000 Jahren nachweisbar. Vor mindestens 30 000 Jahren lebte Homo sapiens in Australien, neueste Funde lassen aber vermuten, dass eine erste Besiedlung schon sehr viel früher stattfand. Über die Beringstraße gelangte der moderne Mensch wahrscheinlch schon vor 30 000 auch auf den amerikanischen Kontinent.
Als Homo sapiens Europa erreichte, herrschte gerade eiszeitliches Klima, obwohl die Ankunft unserer Vorfahren in eine mildere Phase fällt. Der Meeresspiegel lag etwa 50 Meter niedriger als heute, die Höhenzüge Europas und Asiens waren vereist und von Kältesteppen umgeben. Die fruchtbaren Vegetationszonen mit ihrem größeren Nahrungsangebot lagen viel weiter südlich als heute. Homo sapiens siedelte hier in den Eingangbereichen von Höhlen, die ihm als Kultstätte dienten. Weit verbreitet waren auch Zeltbauten, die aus Tierfellen, gestützt von Pfählen, hergestellt wurden. Felle von Mammuten wurden sowohl für Kleidung als auch für die Bedachung der Behausungen verwendet.
Die erste archäologische Spur des europäischen Homo sapiens führt in das Jahr 1862, als ein Bauer bei Aurignac im Departement Haute-Garonne, Frankreich, auf ein Kaninchenloch stieß, welches sich nach weiterem Graben als Eingang in eine Höhle entpuppte, in der 17 menschliche Skelette lagen. Da niemand vermisst wurde, und die Knochen sehr alt aussahen, ließ der Bürgermeister von Aurignac die Knochen auf dem örtlichen Friedhof bestatten. Acht Jahre später wurde Edouard Lartet auf das seltsame Begräbnis aufmerksam und befragte Totengräber und Bürgermeister nach dem Fundort. 1860 begann der Forscher den Eingang der Höhle weiter freizulegen um das Innere in Augenschein zu nehmen. Neben einiger menschlichen Fossilien legte er Überreste von Auerochsen, Hirschen und Höhlenbären frei, dazu einige Werkzeuge aus Stein und Horn. Weitere Gegenstände waren Pfeilspitzen und in der Mitte durchbohrte Schmuckscheiben. Das erstaunlichste Stück aber war eine Flöte, eines der ältesten Musikinstumente eines Menschen das überhaupt entdeckt wurde, datiert auf 30 000 Jahre. Mittlerweile gibt es viele ältere solcher Funde, darunter ebenfalls eine Flöte aus Ungarn, die mindestens 45 000 Jahre alt ist. Die Bedeutung für die Wissenschaft, welche die Entdeckungen von Aurignac einmal haben würden, konnte man damals noch nicht einordnen.
Erst weitere acht Jahre später fand man beim Bau einer Eisenbahnstrecke 1868 einen weiteren fossilen Beleg für die Anwesenheit von Homo sapiens im eiszeitlichen Europa. Im Abri von Cro-Magnon in der Dordogne, Frankreich, legte man fünf Skelette von drei erwachsenen Männern, einer erwachsenen Frau und eines Säuglings frei, deren Skelettanatomie und besonders die Form des Schädels sich deutlich vom Neandertaler unterschieden, den man 12 Jahre vorher im Neandertal bei Düsseldorf entdeckt hatte. Die Skelette von Cro-Magnon gehören zum anatomisch modernen Menschen und sind etwa 25 000 Jahre alt. Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei dem Fundort um feierliche Begräbnisse, da die Toten mit verschiedenem Körperschmuck verziert waren. Bei dem oft erwähnen Schädel mit der Bezeichnung Cro-Magnon 1 handelt es sich um einen männlichen Erwachsenen. Auch bekannt als der "Alte Mann", hatte Cro-Magnon 1 mit einer einsetzenden Pilzinfektion im Gesicht zu kämpfen und starb in mittlerem Alter. Der Schädel ist außer den Zähnen fast vollständig. Noch im 19. Jahrhundert begann sich mit der Fundstelle Cro-Magnon die Vorstellung vom Ursprung des ersten modernen Menschen zu verbinden, für den daher der Name Cro-Magnon-Mensch gebräuchlich wurde.
Die größte Fundstelle aus dem frühen oberen Päläolithikum in Ost- und Zentraleuropa sind die Höhlen von Mladeč, ca. 20 Kilometer nordwestlich von Olomouc (Olmütz) in Mähren, Tschechische Republik, gelegen. Seit 1881 wurden hier Reste von Homo sapiens unter einer Calzitschicht entdeckt und Anfang 1925 von J. Szombathy wissenschaftlich beschrieben. Der Ausgräber Jiri Svoboda interpretiert Mladeč eher als eine Begräbnisstätte und nicht als Ort des täglichen Lebens. Tragischerweise wurde das Material am Ende des Zweiten Weltkriegs von den Nazis, zusammen mit vielen anderen archäologischen Stücken, wie etwa dem Predmosti Material, bei einem Großbrand von Schloss Mikulov vernichtet. Die Fossilien werden mit der frühen europäischen Aurignacien-Industrie in Verbindung gebracht und auf etwa 32 000 Jahre oder mehr datiert. Der Fund bestand aus über 100 Stücken aus der Haupthöhle, sowie aus einer Seitenhöhle, in welcher man drei Gräber von einem Kind und zwei erwachsenen Männern fand. Die Funde tragen die Bezeichnung Mladec 5,6, und 46. Die erwachsenen Exemplare sind sehr robust, die drei männlichen Schädel sind durch einen niedrigen Gehirnschädel sowie dicke Schädelwände charakterisiert. Außerdem ist der hintere Schädelteil recht flach und zeigt ein neandertalerähnliches Hinterhauptsbein. Der Gehirnschädel war sehr groß mit einem Volumen von 1650 cm³ (Mladeč 5).
Die weiblichen Exemplare aus Mladeč sind graziler als die männlichen und erscheinen im Aussehen moderner. Aber verglichen mit anderen modernen Menschen sind sie immer noch sehr robust, etwa so wie männliche Exemplare aus anderen Gegenden zur Zeit des späten Oberen Paläolithikums. Die Bevölkerung von Mladeč zeigt einen relativen Größenunterschied zwischen dem männlichen und weiblichen Gehirn, der den Verhältnissen bei den Neandertalern recht nahe kommt. Die Frauen, Mladeč 1 und Mladeč 2, haben ein Gehirnvolumen von 1540 cm³ beziehungsweise 1390 cm³. Dies ist eine Zunahme von 14% gegenüber den Neandertalern, während die Männer (Mladeč 5) gegenüber den Neandertalern nur eine Zunahme von 5% aufweisen. Dieser Umstand wurde gelegentlich ebenso als Beweis angeführt, dass die Neandertaler nicht in der direkten Vorfahrenlinie des Homo sapiens liegen, wie die Vermischung der Neandertaler mit den neu eingewanderten Populationen des Homo sapiens. Die Frauen von Mladeč zeigen sowohl Ähnlichkeiten als auch Unterschiede zu Neandertalerfrauen wie etwa einen größeren Gehirnschädel und ein mehr hervorstehendes Mittelgesicht. Die Schädel haben eine beträchtlich schmalere Nase als Neandertalerinnen und die Jochbeine liegen weiter vorne. Eine charakteristische Kerbe im Oberkiefer fehlt bei den Frauen aus Mladec, dafür ist eine deutliche Eckzahngrube vorhanden.
Das Material aus Dolní Vestonice und dem nahegelegenem Pawlow wurde auf dem Pawlower Berg in der Region Südmähren in der Tschechischen Republik gefunden. Die Funde wurden auf ungefähr 25 - 26 000 Jahre datiert und sind in den Merkmalen außerst variabel. Das Pawlow-Material repräsentiert eines der robustesten Homo sapiens Exemplare aus dem Oberen Paläolithikum, während die Funde aus Dolní Vestonice wesentlich graziler sind. Bei den DV 1 - DV 3 bezeichneten Exemplaren handelt es sich um sehr grazile Frauen. In der Nähe wurde eine kleine Figur gefunden, die man offenbar als eine künstlerische Darstellung von DV 3, basierend auf einer pathologischen Gesichtsveränderung, identifiziert hat. Das als DV 16 bekannte Exemplar ist robuster, und zeigt, anders als das robuste Pawlow-Material, einige Neandertalermerkmale. Im großen und ganzen ist dieses Material sehr modern, es zeigt aber auch einige Merkmale von Neandertalern, was auf eine Vermischung von Homo sapiens und Homo neanderthalensis hinweisen könnte.
Die Funde aus Predmosti sind wahrscheinlich die ältesten unter den Überresten von Homo sapiens aus dem Oberen Paläolithikum und definitiv die größten. Leider wurde das Material, wie die Mladeč-Fossilien, beim Großbrand von Schloss Mikulov von den Nazis vernichtet. Das Material ist sehr robust (obwohl man dies kaum mit dem robusten Körperbau eines Neandertalers vergleichen kann), und wenig Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Wie bei den Überresten von Mladeč zeigen die Frauen von Predmosti eine bedeutende Zunahme der Gehirngröße gegenüber den Neandertalern (13 %), währen sich die Zunahme bei den Männern in Grenzen hält (2 %). Wie bei anderen Funden aus dieser Zeitperiode findet man einige wenige Merkmale der Neandertaler, wobei aber eine systematische Verbindung zwischen Homo neanderthalensis und Homo sapiens nicht nachgewiesen werden konnte. Das Material hat eindeutig eine größere Ähnlichkeit mit Funden des Homo sapiens, und zwar aus allen Teilen der Welt.
